Wer pflegt, muss sich pflegen: Belastungen in der by Erich Schützendorf

By Erich Schützendorf

Herr Schmitz steht am Frühstückstisch und hält sich die Hand an den Kopf. Er scheint ratlos. Die Alltagsassistentin: „Können Sie heute ihr Brot selber belegen?" Herr Schmitz bleibt unverändert in seiner Haltung. Die Assistentin: "Da liegt das Brot. Da die Wurst." Herr Schmitz atmet tief ein, behält die Hand am Kopf. Die Assistentin: "Wenn Sie es nicht schaffen, dann rufen sie. Dann helfe ich ihnen." Sie geht. Er bleibt am Tisch stehen und hält sich den Kopf.

In diesem wie in den vielen anderen Beispielen aus dem Pflegealltag geht es dem Autoren nicht um die Frage, ob das Verhalten der Assistentin richtig oder falsch, unangemessen oder angebracht ist, sondern um die Frage, warum sie sich so verhält. Wie ist diese state of affairs, in der zwei Personen unterschiedliche Bedürfnisse haben, zu verstehen? Ungewohnt ist dabei die Deutung aus der Perspektive der Menschen, die bereit sind, mit den vielen psychisch und dementiell veränderten Menschen in der Altenpflege umzugehen. Der Autor benennt anschaulich und praxisnah die oft hilflosen und manchmal verzweifelten Rettungsversuche der Pflegenden, Begleiter und Betreuer im stationären und ambulanten Bereich. Mit viel Verständnis für die Mitarbeiter(innen) eröffnet er ihnen mit seinem Bild vom Festland und dem Meer der Ver-rücktheit neue Sichtweisen und Handlungsalternativen.

In der 2. Auflage werden einige der ungewöhnlichen Sichtweisen vertieft und explizit auf die state of affairs in der häuslichen Pflege und der Betreuung in Haus- und Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz bezogen.

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Ist weder für Frau Buntins noch für Annabel hilfreich. Annabel nimmt sich vor, in Zukunft bewusst zwischen menschlicher Begegnung und Pflege zu trennen. Zuerst will sie zu Frau Buntins 22 eintauchen, ihr zuhören und wenn sie es je nach Tagesform schafft, sich umarmen lassen. Danach geht sie ins Badezimmer, um die Pflege vorzubereiten. Zur Erinnerung an ihr Vorhaben will sie Frau Buntins ein eingerahmtes Foto mit einer aufgehenden Sonne schenken und in deren Schlafzimmer aufhängen. An besonders schwierigen Tagen soll ihr das Bild helfen, Frau Buntins auszuhalten.

Vor der alten Dame stehen nun eine Schüssel Milchbrei, eine Tasse Kaffee und ein Yoghurtbecher. Die Dame sagt: Das weiß ich nicht. Die Pflegerin: Versuchen Sie mal alleine. Bevor sie sich entfernt, trägt sie der Praktikantin auf: Komm mal, die kann nicht alleine. Oder: Hier ist Ihr Saft. Ich mag keinen Saft. Was mögen Sie denn? Nichts. Probieren Sie den Saft. Oder: Die alte Dame sucht ihr Zimmer. Sie verirrt sich in das Zimmer einer anderen Bewohnerin. Das ist nicht Ihr Zimmer, Frau Müller. Nein?

Widerspruch 41 zwecklos. Helfen Sie mir, damit es schneller geht. Sehen Sie ein, dass alles zu Ihrem Besten geschieht. Verstehen Sie mich doch. Wenn Sie nicht mitmachen, kann ich Ihnen nicht helfen. Soll ich Sie ins Bett bringen? Nein. Sollen wir jetzt mal starten? Wie starten? Was wollen Sie von mir? Sie ausziehen. Ich zieh mich doch nicht aus. Warum denn nicht? Was wollen Sie? Sie ausziehen. Man sollte öfter auf Sprache verzichten und alternative Kommunikationsmöglichkeiten ausprobieren. Man kann sich neben den Bewohner, der zur Toilette gebracht werden soll, setzen und warten.

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